Zum Inhalt springen

Der monströse Zürileu, eines von vielen erzählfreudigen Basler Abstimmungsplakaten

1926 ging es in Basel-Stadt buchstäblich um die Wurst: Gegen das geplante Bell-Schlachthaus an der Elsässerstrasse kam es zur Referendumsabstimmung. Pikant: Dem Zürcher Metzgerverband wurde vorgeworfen, er mische sich in den Abstimmungskampf ein. Also erschien ein monströser Zürileu mit blutiger Schürze und Schlachterbeil an den Basler Plakatsäulen.

André Salvisberg

Gamechanger der Fleischversorgung

Im Februar 1926 beschloss der Grosse Rat, in Basel private Schlachthäuser zuzulassen. Während Jahrhunderten hatten die Metzger zur Sicherstellung der Hygiene in staatlichen Lokalen arbeiten müssen, vor 1870 nahe dem Marktplatz, seither im Schlachthof an der Elsässerstrasse. Nun konnte die Bell AG dort ein eigenes Schlachthaus in industrieller Grösse planen.

Blick in die Fabrik der Bell AG, 1939: Arbeiterinnen befüllen Konservendosen mit Würsten. Schon vor dem Schlachthaus hatte Bell an der Elsässerstrasse zwecks Fleischverarbeitung eigene Gebäude inklusive Kühlturm errichten lassen. Die Aufnahme stammt von Lothar Jeck (1898–1983), der die Basler Reportagefotografie wesentlich entwickelt hat.
(Foto: Fotoarchiv Jeck im Staatsarchiv Basel-Stadt, BSL 1060c 3/3/405)

Gegen diese neue Marktmacht stellten sich die lokalen Metzger sowie die Bürger- und Gewerbepartei (BGP) per – letztlich gescheitertem – Referendum. Im Abstimmungskampf zogen die Kontrahenten beinahe alle Register. Bell lud zu einem Tag der offenen Tür ein, die Basler Metzger dachten darüber nach, Gratiswürste zu verteilen – allerdings miniaturisierte und mit einem Zettel dran: «So klein werden die Würste, wenn das Bell-Schlachthaus angenommen wird.» Sie setzten dann aber doch lieber auf das Bild einer unheiligen Allianz und inserierten ganz klassenkämpferisch, dass sich die Linken und das Grosskapital gegen ihren «ehrenwerten Gewerbestand» und den Mittelstand überhaupt verbündet hätten.

Der Vorwurf: Zürich

Und ein Gerücht wurde laut: Der Zürcher Metzgerverband mische beim Referendum mit; an der Limmat neide man Bells Verbindung mit dem landesweiten ACV (heute Coop) und wolle den Schweizer Fleischmarkt selbst in seine Gewalt bekommen. Für die Befürworter des Bell-Projekts war die angebliche Limmat-Connection ein Geschenk. Ihr Abstimmungsplakat spielte mit der traditionellen Basler Abneigung gegenüber Zürich. Es erfand den Zürileu neu: blau-weiss gekleidet, mit blutiger Schürze, Schlachterbeil und Metzgermesser, mit einem Geldbeutel am Schwanz, riesig. Wie ein Monster erhob sich der Löwe über Basel und machte sich daran, die Bell AG in ihre Einzelteile zu zerlegen. Ein kurzer Dialog in Züritütsch und Baseldytsch umrahmte die Szene.

Zum besseren Verständnis: Das Wort «Gips» steht für «Geld», ein frühes Zeugnis der bald schon in Basel populären Hösch-Sprache. Der monströse Zürileu stammt aus der Hand von Niklaus Stoecklin (1896–1982), einem der bedeutendsten Basler Künstler des 20. Jahrhunderts.
(Bild: Plakatsammlung SfG Basel, CH-000957-X:3308)

Der Abstimmungskampf im Juni 1926 war nicht zu übersehen. Das Zürileu-Plakat war nur eines von drei, die pro und contra Schlachthaus Stimmung machten: Im zweiten herrschte Bell als wurstbehangener Koloss über die unterdrückten Bürger; im dritten erschienen die neuen Bell-Gebäude als Ausdruck des Fortschritts und der Vollkommenheit.

Der Zürileu blieb ein einmaliger Gast auf Basler Abstimmungsplakaten. Ungewöhnlich ist der Stil seines Auftritts aber nicht. Er gehört in eine Zeit, als Plakate oft anstelle von Slogans kleine Geschichten aus Bild und Wort erzählten. Ebenfalls im Jahr 1926 streckten auf dem Plakat zum Wirtschaftsgesetz die durstigen Basler Männer die Arme nach einem Bierglas, das ihnen vor der Nase baumelte. Und zur Vorlage über die Arbeitslosenversicherung zog ein Polizist einem Mann die Ohren lang, um ihn zur Prämienkasse zu schleifen.

Während des Zweiten Weltkriegs setzte ein Stilwandel ein – die Plakate der 1940er-Jahre wirkten zunehmend «aufgeräumter», d.h. geprägt von mehr Sachlichkeit und einer schlichten Formensprache. Doch bis heute argumentieren Abstimmungsplakate immer wieder mit Emotionalität, plakativen Karikaturen und stark zugespitzten Feindgestalten.

Literatur

Peter Haenger: Das Fleisch und die Metzger. Fleischkonsum und Metzgerhandwerk in Basel seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Zürich 2001. S. 171–179.